2009 Herbstkonzert Kritiken

Konzert – Metzinger Kammerorchester und Solisten

Reutlinger General-Anzeiger vom 24.11.2009

Von Wien ins Outback

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

METZINGEN. Der eine stammt aus Südtirol, ist ein brillanter Violinist, organisiert und leitet das von ihm ins Leben gerufene »Tonkunst«-Festival in Bad Saulgau. Den anderen hat es von Mönchengladbach, wo er mit 17 Jahren als Konzertpianist debütierte, ebenfalls nach Bad Saulgau verschlagen. Als Leiter der Jugendmusikschule hat er dort vielen Jugend-Musiziert-Preisträgern den Weg auf die Konzertpodien geebnet. Fürs Herbstkonzert des Metzinger Kammerorchesters am Samstag erwiesen sich Alban Beikircher und Ralf Hohn als echter Gewinn. Nicht nur meisterten sie den Solistenpart von Mendelssohns Konzert für Violine, Klavier und Streicher d-Moll technisch makellos. Ihr apartes, tonschönes und virtuos gewürztes Spiel wusste auch durch Frische und vor allem durch Charme zu gefallen.

Die Eigenwilligkeiten des Werks, immerhin die Komposition eines Vierzehnjährigen, waren wunderbar herausgearbeitet. Die instrumentalen Nuancen ebenso wie der unbändige Drang und der Theaterdonner, wie er sich in den Ecksätzen offenbart. Empfindsam und mit Ruhe loteten die Solisten die Tiefe des musikalischen Geschehens im Adagio aus. Wunderbar mitzuerleben, wie sie einander die Themen zuspielten.

Musik gewordene Trauerarbeit

Zuvor bereits hatte Beikircher in Peter Sculthorpes Stück »Irkanda IV« für Streicher, Solovioline und Schlagzeug als Solist beeindruckt. Die Komposition des Australiers aus dem Jahr 1961 entstand als Reaktion auf den Tod von Sculthorpes Vater und ist Musik gewordene Trauerarbeit. Westliche Marschrhythmik und lastende Melodik auf der einen Seite und die kreisend ostinaten Klänge der Aborigines aus dem australischen Outback andererseits sind hier auf verstörende und faszinierende Weise eine Verbindung eingegangen.

Beikirchers Spiel war aufrichtig und intensiv. Ein loderndes Aufbegehren gegen die Endlichkeit alles Irdischen. Ein Akzeptieren. Trauer und Trost. Den Orchestermusikern, die buchstäblich auf der Stuhlkante musizierten, gelangen auf der Fieberkurve ergreifende Klangfarben; im Hintergrund pochte das Schlagwerk als immerwährende Mahnung.

Welch ein Kontrast zu Franz Schuberts »Fünf Menuetten und sechs Trios« D 89, mit denen das Konzert in der Metzinger Stadthalle so unbeschwert begonnen hatte! Schubert war sechzehn, als er sie komponierte. Zwischen ausgelassener Heiterkeit und Wiener Schmäh zeichneten sich vereinzelt aber auch hier Momente in Moll ab. Das Metzinger Kammerorchester ging den Zyklus von Charakterstücken musikantisch, homogen und in kontrastreicher Dynamik an. Lediglich die Verzierungen hätte man sich etwas einheitlicher gewünscht.

Sinn für den Spannungsbogen

Carl Nielsens »Kleine Suite« für Streichorchester, in neoklassizistisch-schlichtem Stil gehalten, boten die Streicher inspiriert, farbenreich und in konzentriertem Zusammenwirken dar. Dirigent Oliver Bensch bewies einmal mehr sicheres Gespür für musikalische Proportionen und dramaturgische Höhepunkte. Sei es im dunkel-leidenschaftlichen Präludium, im gewitzten Walzer des Intermezzos oder im Finale, in dem sich die Musik zu voller Pracht entfaltete: Stets stand der Orchesterklang unter Benschs umsichtiger Obhut wie eine Eins. (GEA)

Zurück zum Seitenanfang

Geheimnisvolle Klänge aus dem Outback

Metzinger Volksblatt vom 23.11.2009

Herbstkonzert des Kammerorchesters Metzingen: Oliver Bensch dirigiert Werke von Schubert bis Sculthorpe

 VON OTTO PAUL BURKHARDT

Australische Naturklänge, Wiener Schmäh und schwelgerische Romantik: Das Kammerorchester Metzingen brachte eigenwillige Werke von Schubert bis Sculthorpe zu Gehör – mit viel Elan und Spielfreude.

Lauter Frühwerke standen auf dem Programm – geschrieben von Komponisten, deren Alter sich zur Entstehungszeit ihrer Stücke zwischen 14 (Mendelssohn) und 32 (Peter Sculthorpe) bewegte. Mit entsprechend jugendlichem Schwung und Ausdrucksreichtum ging das Kammerorchester Metzingen (KOM) denn auch beim Herbstkonzert in der Stadthalle zur Sache. Nicht nur das – auch in der Besetzung hat sich Manches getan, jüngere Mitspieler sind in Stimmführerpositionen aufgerückt.

Bereits bei den Schubert-Menuetten (D 89) überzeugte das von Oliver Bensch gut präparierte Ensemble durch stilsichere Kontrastvielfalt – mit kraftvoller Dynamik, augenzwinkerndem Wiener Charme und lieblichem Streicherbelcanto.

Der in Tasmanien geborene Komponist Peter Sculthorpe (Jahrgang 1929) hat sich zeitlebens mit australischen Eigenheiten auseinandergesetzt und Klänge des Outbacks verarbeitet. In „Irkanda IV“ (1961) – der Titel bedeutet so viel wie abgeschiedener, einsamer Ort – erinnern manche Passagen an die kreisenden Gesänge der Aborigines, andere Stellen an ein Requiem zum Tode von Sculthorpes Vater. Dem renommierten Geiger Alban Beikircher, dem talentierten Drummer Markus Auer und dem Kammerorchester gelingt ein durchweg fesselndes, naturmystisches Klanggemälde. Expressive Kantilenen in der Solovioline, leises Donnergrollen im Schlagzeug und gespenstisch tremolierende Cluster im Tutti fügen sich zu einer spirituellen, oft gravitätisch schreitenden Trauermusik – zu einer musikalischen Reflexion über Gott, Mensch und Natur.

Gut, auch das KOM muss mit typischen Problemen von Laienensembles kämpfen – gewissen Unschärferelationen in Intonation und Rhythmik. Doch unter der präzisen wie temperamentvollen Leitung von Oliver Bensch sind derlei Schwierigkeiten auf ein Minimum reduziert – und das, obwohl die Partitur Sculthorpes einen relativ hohen Schwierigkeitsgrad aufweist.

Apropos jugendlich: Auch in dem Opus 1 des Dänen Niels Gade, der Kleinen Suite a-Moll, entwickelt Bensch enorm viel Spannung und Dramatik. Im Intermezzo entfaltet das Kammerorchester gar den irrlichternden Zauber einer Mittsommernacht – in allerliebst wiegenden, hauchzarten Walzerklängen.

Das Doppelkonzert des 14-jährigen Mendelssohn setzte dann einen musikantisch-virtuosen Schlusspunkt. An der Seite von Beikirchers warmem, opulentem, oft geradezu schwelgerischem Violinspiel kann der Pianist Ralf Hohn am Flügel mit perlenden Läufen und zupackender Virtuosität überzeugen, schmissig begleitet vom Kammerorchester. Das Adagio: ein zutiefst romantischer, entrückter Moment – ein sehnsuchtsvoll schwärmerischer Stillstand der Zeit. Viel Beifall für alle und eine Zugabe.

Zurück zum Seitenanfang

Mendelssohns Jugendwerk gerät zum Hochgenuss

Schwäbische Zeitung Bad Saulgau vom 24.11.2009

BAD SAULGAU – Das Kammerorchester Metzingen hat sein 32. Herbstkonzert einen Tag nach dem Konzert „zu Hause“ in der Stadthalle Bad Saulgau wiederholt. Unumstrittene Stars des Abends waren die beiden Solisten Alban Beikircher an der Violine und Ralf Hohn am Flügel, die ein Jugendwerk von Felix Mendelssohn Bartholdy interpretierten.

VON UNSEREM REDAKTEUR RUDI MULTER

Mit fünf Menuetten von Franz Schubert machte das Kammerorchester Metzingen den Auftakt zu diesem Konzert in der Bad Saulgauer Stadthalle, die mit 150 bis 200 Zuschauern nur schwach gefüllt war. Ganz unterschiedliche Stimmungen transportierten die kleinen Musikstücke. Mit großen Bewegungen gab Dirigent Oliver Bensch die Ansprüche an Dynamik und Ausdruck vor.

Mit Irkanda IV, einem Stück für Streicher, Solovioline und Schlagzeug des in Tasmanien geborenen und in Australien lebenden Peter Sculthorpe, war auch ein modernes Stück Bestandteil des Programms. Den Part der Solovioline übernahm Alban Beikircher. Die Melancholie sphärischer Kläng, die Anklänge an die Weite des ozeanischen Kontinents kamen schön zum Ausdruck. Weshalb so viel Melancholie, ließ sich im Programm nachlesen: Sculthorpe hatte das Stück als Reaktion auf den Tod seines Vaters komponiert.

Melancholie schwang auch bei Carl Nielsens „Kleine Suite in a-moll für Streichorchester“ mit. Insbesondere das Präludium bestimmten die dunklen Töne, während der Mittelsatz die Heiterkeit einer Mittsommernacht deutlich machte, um schließlich mit dem Finale zu enden.

So lag denn viel Schwermut auf der Musik des ersten Teils. Das Kammerorchester spielte auf einem für ein Amateurorchester hohen Niveau, konnte aber nicht in allen Teilen der vom Dirigenten verlangten Dynamik folgen.

Doch dann der Schnitt: Der zweite Teil stand in punkto Dynamik, Klarheit und Akzentuierung der Musik im Gegensatz zum ersten. Darauf hatte das Publikum gewartet. Die Solisten Alban Beikircher an der Violine und Ralf Hohn am Flügel rissen das Orchester beim Konzert für Violine, Klavier und Streichorchester d-moll von Felix Mendelssohn Bartholdy mit. Das Jugendwerk des Komponisten, das er im Alter von 14 Jahren geschrieben hat, gibt widerstrebenden starken Gefühlen mit Meisterhaft Ausdruck. Eine Vielzahl von Tempiwechseln, ein jedesmal überraschender, manchmal abrupter, manchmal verzögerter mit Pausen garnierter und oft komplizierter Übergang von Klaiver auf das Orchester, das Spiel von Violine und Klaiver, Klavier und Orchester, Solovioline und Orchester baute Mendelssohn eine musikalisches Universum auf, baute Spannung auf, hielt sie und schuf eine musikalische Vielfalt, die beim Zuhören mitriss. Genauso gefühlvoll bis ungestüm interpretierten die beiden Solisten das Stück und rissen in ihrer Dynamik das Orchester mit. Für diese Meisterleistung gab es einen riesigen Applaus für die Interpreten und eine Zugabe der beiden Lehrer an der Jugendmusikschule, die es verstehen großer Musik groß zu interpretieren und damit im besten Sinn des Wortes ein großes Vorbild für ihre Schüler gaben.

Zurück zum Seitenanfang

Informiere deine Freunde...Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterEmail this to someone